Text-Arbeit: Wie fair ist welcher Stundenlohn?

Wenn ich von einem neuen Auftraggeber oder interessierten Mitmenschen gefragt werde, welchen Stundenlohn ich berechne, wird natürlich eine klare Antwort erwartet, die ich aber oft gar nicht geben kann. Ich frage stattdessen: „Für welche Leistung?“ oder sage: „Das kommt darauf an.“

Das klingt willkürlich, ist es aber keinesfalls. Denn als Texterin muss ich zuerst wissen, was ich tun soll, und der Kunde möchte wissen, dass er mich nicht dafür bezahlt hat, Löcher in die Luft zu starren.

Eine Berechnung nach Normseite oder Wort ist daher sowohl sinnvoll als auch in der Texterbranche üblich. Nur können sich wiederum die wenigsten Nicht-Texter vorstellen, was denn ein Normseiten-Preis von 29,- € für einen Stundenlohn ergibt, und warum 3 Cent / Wort indiskutabel für einen Profi-Texter sind.

Hier folgen darum kleine Rechenbeispiele.

Bestellung des Kunden:

  • 1.000 Wörter Blog-Artikel
  • mittelschwere Recherche erforderlich, es wird also ein wenig Fachwissen vermittelt

Für diesen Artikel habe ich als Texterin:

  • mit dem Kunden (oft mehrfach) kommuniziert,
  • das Briefing gelesen,
  • den Vertrag aufgetzt,
  • mich in das Thema eingelesen
  • 1.000 Wörter geschrieben und korrekturgelesen
  • evtl noch eine Korrekturrunde gedreht (auf Wunsch des Kunden)
  • die Rechnung und den Leistungsnachweis erstellt

Ich erhalte für den Artikel 90, – € (circa bei 29,- € / NS).

Benötigte Zeit (nach jahrelanger Erfahrung und als „Schnellschreiber“):

  • Kommunikation, Vertrag, Briefing, Rechnungstellung: 1 Stunde (bei guter Kommunikation)
  • Recherche und Text (bei guter Ausgangslage / guten Quellen): 1 – 2 Stunden

Das bedeutet: minimal 3 Stunden Arbeit je maximal 30,- €

Als Texterin sind 5 Stunden am Tag, die ich mit reinem Schreiben verbringe, bereits viel. Denn der Kopf arbeitet besonders bei neuen Themen auf Hochtouren und hat nach 5 Stunden wahrlich genug. Hinzu kommt, dass Büro-Arbeit, Verwaltung, Buchhaltung, Post und Werbung ebenfalls erledigt werden wollen.

Bei bester Auftragslage und reibungsloser Kommunikation zwischen Dienstleister und Auftraggeber kommen so maximal 25 Stunden Textarbeit je Woche zusammen.

Das bedeutet: 25 Stunden bzw. 750,- € maximal je Woche bzw. 3.375,- € maximal je Monat

Davon ziehe ich Steuern, Krankenversicherung, Altersvorsorge, Auslagen und Rücklagen für den Betrieb etc. ab und erhalte ein Nettoeinkommen je Monat von 1.800 – 2.000 €.

Dabei handelt es sich – siehe oben – um einen bestmöglichen Monat mit voller Auslastung, recherchearmen Texten und unkomplizierter Kommunikation bei einem Normeiten-Preis von 29,- €.

Es fehlen: Komplikationen, Krankheitsausfall, Urlaubsgeld, schlechte Auftragslage, Kunden-Reklamationen und all die anderen Dinge, die im Preis eines Texters enthalten sind. Und einen perfekten Monat gibt es, das wissen Sie aus Ihrem Arbeitsalltag selbst, nicht.

Will ein Texter also dauerhaft auf seinen Beinen stehen und auch einmal krank sein dürfen, sich einen neuen Laptop oder einen Drucker kaufen geschweige denn einmal Urlaub machen, ist ein solcher Normseiten-Preis zu niedrig. Denn erst ab mindestens 50,- € Stundenlohn hätte er am Ende des Monats Rücklagen für einen weiteren Monat, der schlecht laufen könnte, oder aber einen Urlaub. Will er Rücklagen für Urlaub, Krankheit und einen schlechten Monat, muss er mindestens 70,-€ die Stundenlohn einnehmen und auch dann lohnt sich das nur, wenn der Monat gut läuft wie oben beschrieben.

Stellen Sie sich vor, Sie würden einem Texter 3 Cent / Wort für seine Arbeit anbieten, und rechnen Sie das obige Beispiel durch: der Texter erhielte 10 € / Stunde und bestenfalls ein Nettoeinkommen von 600,- bis 700,- €.

Welcher Stundenlohn ist also fair?

 

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